Mit der Reduktion seiner Bilder auf die Komplementärfarben gelb und violett hat der Maler Pierre Bocion etwas Neues geschaffen - und sich damit ein Traum jedes Künstlers erfüllt. Zu Recht, denn der Weg vom ehemals gegenständlichen und farbgetreuen Malen bis zu den heutigen abstrakten Porträts und Landschaftsbildern war lang. Seit kurzem stellt er seine Werke auch in einer virtuellen Gallerie aus und hofft damit eine neue Kunstrichtung prägen zu können.
Ganz in Gelb und Violett präsentiert sich die Galerie beim "Stadtblatt" seit letztem Donnerstag. Mit der Reduktion auf die beiden Komplementärfarben - so heißen die sich auf dem Farbkreis gegenüberliegenden Farbpaare - schafft der Künstler Pierre Bocion etwas noch nie Dagewesens: So weit er die Kunstgeschichte überblicken kann, ist seine Abstraktion auf die beiden Farben gelb und violett neu. Und: "Für einen Künstler ist es immer ein wichtiges Argument, mit seiner Kunst etwas Neues zu schaffen. Ich bin stolz darauf, dass mir das gelungen ist." Die beiden Farben haben für den Maler keine spezielle oder persönliche Bedeutung. Er mag sie zwar, aber nicht lieber als andere. Denn Farben sind ihm überhaupt sehr wichtig, und er hat sie alle gern. Das Violett verbindet er in seinen Werken mit Wärme und Hintergründigem im Sinn von Tiefe. Gelb hingegen wirke offen, transparent, aber auch angriffig. Durch die Reduktion auf nur zwei Farben erhalten seine Bilder etwas Mystisches, einen "tief wirkenden, zum Denken anregenden Effekt".
"Sympathie spielt keine Rolle."
Die CVP-Bundesrätin Doris Leuthard, Papst Johannes Paul II. und der Sänger David Bowie sind nur drei der Porträts, die der ehemals in Winterthur wohnhafte Pierre Bocion zur Zeit ausstellt. Die Personen, die er porträtiert, wählt er aufgrund seiner persönlichen Interessen aus. Deshalb sind auf seinen Werken Menschen aus Politik, Kunst, Literatur, Naturwissenschaften und Sport zu finden. "Es sind eigentlich alles erfolgreiche Personen. Erfolg ist eher ein Auswahlkriterium als Sympathie. Ich male auch Personen, gegen die ich eine Antipathie hege." - Nur so ist die Tatsache zu erklären, dass auch Christoph Blocher von einer Wand der Galerie blickt. Denn gegen ihn führt der Künstler bereits seit zehn Jahren seinen ganz persönlichen Kampf. "Er ist eine politisch gefährliche Person", untermauert der ehemalige FDP-Gemeinderat seine Haltung. "Und er hat die Schweiz in eine bedenkliche rechtsextreme Ecke manövriert." Besonders stört ihn, dass der heutige Bundesrat weniger leistungsfähige Menschen negiert. Dass er auch gegen eine Öffnung der Schweiz nach außen ist, scheint nur noch das Tüpfelchen auf dem i zu sein. "Ich habe Christoph Blocher als Abschreckung gemalt", erklärt Pierre Bocion. Allerdings realistisch, ohne persönlich motivierte Verzerrung. Er habe ihn als Person darstellen wollen wie alle anderen Abgebildeten auch und nicht versucht, negative Gefühle in das Bild zu verpacken. Das Malen hat für den Künstler denn auch keinen therapeutischen Charakter, vielmehr betrachtet er Kunst im Allgemeinen als eine wesentliche und grundlegende Einzigartigkeit des Menschen: "Das Tier macht keine Kunst. Für mich ist sie eine der schönsten Denkformen. Das, was man denkt, kann man in seinen Bildern; anschneiden." Das Schaffen von Kunst betrachtet er als Dienst für seine Mitmenschen, die sich im Betrachten versenken und ihren eigenen Gedanken folgen können. Aber auch er selber hat Freude an der Kunst: "Ich habe an allem Kreativen Freude, so auch am Leserbrief-schreiben." Zwei Zahlen bestätigen diese Aussage: In den letzten 45 Jahren hat er exakt 500 Leserbriefe geschrieben. Dabei ist nicht das Erschaffen selbst der Höhepunkt, sondern der Abschluss: "Am meisten freut es mich, wenn ich etwas fertig habe." Bei den Porträts ist das nach rund 20 Stunden der Fall. Auf die Frage, wann ein Bild für ihn fertig sei, antwortet er: "Eigentlich am anderen Tag." Konkret bedeutet dies, dass er ein Bild, das er zu 99,9 Prozent als beendet einstuft, über Nacht auf der Staffelei stehen lässt, um es am darauffolgenden Tag nochmals kritisch unter die Lupe zu nehmen. Findet er noch Mängel, arbeitet er diese sofort aus. So entstehen pro Woche ein bis zwei Bilder. Wegwerfen muss er wenig, erwähnt er stolz - wobei ihm sein Lieblingsmaterial entgegenkommt: "Mit Ölfarben kann man sehr gut korrigieren."
Der Entdecker namens Zufall.
Lange Zeit malte Pierre Bocion gegenständlich und farbgetreu, brachte Landschaften und Stillleben zu Papier und Leinwand. "Abstrakte Bilder traute ich mir nicht zu. Erst am 1. Juli 1999 nahm ich diese Art der Malerei in Angriff." Bis Weihnachten 2001 zeichnete er jeden Tag ein postkartengrosses abstraktes Bild. Das habe ihm sehr geholfen, sein Selbstverständnis als Künstler zu finden, berichtet er. "Heute fühle ich mich sicher mit dem, was ich mache. Ich kann als Künstler hin stehen und mich zu meinen Werken bekennen. Vor acht Jahren konnte ich das noch nicht" Früher malte Pierre Bocion auch kaum Menschen. Die Initialzündung gab ihm der Entwurf eines Plakats. Sein Sohn Marc hatte ein Konzert für die Band Söhne Mannheims organisiert und den Vater gebeten, den Aushang zu gestalten. "Da malte ich ein Porträt des Sängers Rolf Stahlhofes in GelbViolett", erinnert sich der Künstler. "Das mit den Farben war eine spontane Eingebung, und das Malen machte mir grosse Freude." Auch mit dem Resultat war er zufrieden: "Es wirkte gut, und so beschloss ich, in Zukunft Köpfe zu malen, und zwar mit diesen beiden Komplementärfarben." Das war ein großer Entscheid, denn er malt nicht querbeet sondern konzentriert sich immer auf eine einzige Thematik. Die neuste Entwicklung geht in Richtung Gruppenbilder. Davon zeigt Pierre Bocion allerdings erst eines in seiner aktuellen Ausstellung. Es heißt La Vie en Rose. Darauf zu sehen ist der Spatz von Paris, Edith Piaf, die ihrem Begleiter auf dem Schoss sitzt. Im Hintergrund spielt eine Band.
In der Jugend hat Pierre Bocion überlegt, ob er Künstler oder Naturwissenschaftler werden solle. Er entschied sich für das Zweite, denn "die Kunst ist ein Würfelspiel bis zum Erfolg". Da ist es ihm in der chemischen Industrie mit Sicherheit besser ergangen. Seine Kreativität ließ er trotzdem nicht brachliegen: Mit 18 Jahren besuchte er jeweils am Samstagnachmittag den Winterthurer Künstler Georg Gerster in seinem Atelier, schaute sich ab, was er konnte, fragte und lernte. Das Malen betrieb er nur als Hobby, verwendete viele Stunden am Wochenende darauf und auch einen Teil seiner Ferien. Ab und zu verbrachte er einzelne Ferienwochen bei verschiedenen Künstlern im In- und Ausland. In ihren Ateliers schaute er ihnen auf die Finger, übte und setzte sich intensiv mit verschiedenen Maltechniken auseinander. 1998 beschloss er, ein eigenes Atelier zu gründen und sich ganz der Kunst zu widmen. Vier Jahre lang besuchte er daraufhin die HGKZ, die Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich. Nach vielen Experimenten malt er heute am liebsten mit Öl auf Leinwand. Aus Kostengründen hat er jedoch auf Hob. umgestellt. Acrylfarbe mag der Künstler nicht besonders. " Ölfarbe ist viel leuchtender als Acryl. Zudem hat es Charisma., Am meisten schätzt ei, aber, dass man damit nass in nass malen kann: "Auch nach zwei Tagen kann man noch Dinge hinein malen und mit den bereits aufgetragenen Farben mischen. Mit Acryl geht das nicht, da es viel zu schnell trocknet." In den letzten Jahren entstanden 45 Porträts in ÖI und Gelb-Violett sowie einige Landschaftsbilder in der gleichen Farbgebung - alle auf Holz gemalt. Er suche immer nach Vereinfachungen in der Kunst. Die eine Möglichkeit ist, die Formen zu abstrahieren, die andere, das Farbspektrum einzuschränken. Die zweite Variante kommt dem Maler entgegen bei seinem Versuch, hinter das Sichtbare zu blicken und es aufzuzeichnen. "Bei den Porträts probiere ich. den Hintergrund, das Innere der gemalten Menschen hervorzuholen und aufzuzeigen." Vielleicht wird dadurch seinen Bildern eine gewisse Komik zu eigen, die der Künstler selber seinen Werken attestiert. Diese Komik sei nicht verletzend, sondern entstehe wie von selbst: "Zuerst skizziere ich die Porträts mit Bleistift aufs Holz. Bereits bei diesem Arbeitsschritt entsteht das komische Element. Und durch das Kolorieren wird dieses noch verstärkt."
Auch virtuell ein Künstler.
Seit Mitte März zeigt Pierre Bocion seine Werke in der Galerie Saatchi in London. "Das ist die wichtigste Galerie auf der Welt", erklärt er sichtlich stolz. Die drei Porträts sowie fünf weitere, zwischen 1998 und 2004 entstandene Werke, sind in der Internetgalerie des berühmten Hauses zu finden. Mit rund 15 Millionen Besuchenden pro Tag bietet Saatchi eine riesige Plattform: "Das ist eine gewaltige Möglichkeit, um weltweit präsent zu sein." Die Idee hinter der virtuellen Galerie ist, bis dato wenig bekannte Künstlerinnen und Künstler zu finden und mit ihnen eine neue Kunstrichtung zu generieren - eine Bedingung dank der Pierre Bocion schon mal keine schlechten Karten hat.