Pierrre Bocion - The State of Art

Die Wahrnehmung, das Erkennen, das Wissen

Für die Ausstellung am Rhyweg in Schaffhausen im Frühling 2002 wählte ich das Motiv: Die Wahrnehmung, das Erkennen, das Wissen. Begriffe, die einen wesentlichen Teil des Menschseins umschreiben. Ein entscheidender Schritt in der Entwicklung des Menschen war die Erfindung einer strukturierten Sprache und später deren Niederschrift mit Buchstaben, Wörtern und Sätzen. Dieser Prozess war die Voraussetzung für die Ausformulierung und Speicherung der Wahrnehmung in schriftlichen Texten, das Erkennen und das Niederschreiben der daraus erarbeiteten Erkenntnis und - last but not least - der Speicherung von Wissen. Die schriftliche Fixierung, ob auf Papier oder elektronisch, war die Grundlage für den gewaltigen intellektuellen Entwicklungsprozess, den die Menschen vor allem in den letzten 200 Jahren vollbrachten. Die Präzision von Sprache und Schrift, aber auch der Rhythmus, der Klang und die Emotion in Wörtern und Sätzen, spielt eine wichtige Rolle bei der Weitergabe von Wissen und bei der Erfindung von Neuem. Diese und andere Überlegungen führten zu dem am Rhyweg präsentierten Bild. Das besteht im Wesentlichen aus den drei ersten Buchstaben des Alphabetes A, B, C, schwarzen, vereinfacht dargestellten Menschen, und feinen schwarzen, vertikal und horizontal angeordneten Strichen, die die Bildelemente verbinden und die Bildaussage verdichten.

Die Buchstaben A, B, C sind absichtlich verschieden und variabel gestaltet; ihre Formen wurden nicht einer der gängigen Schriftbilder entnommen. Die Buchstaben wurden mit den Farben rot (A), violett (B) und gelb (C) koloriert. Formen und Farben symbolisieren die Komplexität der Sprache, der schriftlichen Wiedergabe und daraus folgernd, wie schwierig die Wahrnehmung, das Erkennen und das Erarbeiten und Speichern von Wissen ist. Das C wurde bewusst seitenverkehrt dargestellt, um zu versinnbildlichen, dass vieles in unserem Menschsein ungeklärt ist und wir in der Welt, in der wir leben, immer noch oft im „Dunkel" herumirren, bevor wir wieder einen Schritt nach vorne im Erkennen und Verstehen vollbringen.

Die Darstellungsform der im Bild wirksamen Menschen habe ich im Anfang des Jahres 2000 erstmals in kleinen Darstellungen auf Papier mit Bleistift verwendet, als ich jeden Tag ein Motiv abstrakt, naiv oder surrealistisch bearbeitet habe. In einem großen Bild, mit Filzstift auf Dispersionsfarbe, habe ich diese Art von bildnerischer Aussage noch nie benutzt. Die mit Filzstift gestalteten und im Bild aufgetragenen Menschen sind mit Absicht auf die Buchstaben gesetzt. Die schwarzen, kleinen Figuren schreiten um die Buchstaben herum, beschnuppern diese, nehmen sie wahr, lernen sie zur Entwicklung des Menschen zu gebrauchen. Das Alphabet schuf die Grundlage zu schriftlich festgehaltenem Wissen und ermöglichte dieses über weite Distanzen auszutauschen und neue Assoziationen zu erfinden. Die wissenschaftliche, technische kurzum kulturelle Entwicklung der Menschen wäre sonst wahrscheinlich nicht in dem bekannten Ausmaß erfolgt. Ausgangspunkt dazu war das Wahrnehmen, das Erkennen und das Generieren von Wissen.