Pierrre Bocion - The State of Art

Der Farbstift

Farbmine mit Holz umbunden, stabil gemacht, damit die Farbe nicht zerbricht. Äusserlich durch einen Farbanstrich gekennzeichnet. Wenn die Stifte feinsäuberlich geordnet in der Schachtel aus Holz oder Blech liegen, ist die Farbe sofort erkennbar. Die Holzummantelung ermöglicht ein immer wiederkehrendes Bearbeiten mit dem Farbstiftspitzer. In dünnen Schichten wird das Holz mit System entfernt und die Mine gespitzt; die Farbe kann so gleichmäßig in mehreren Schichten aufgetragen werden, bis das weiße Papier zugedeckt ist. Wie der Schnee, der sich im Winter auf die Wälder und Wiesen legt und das Erscheinungsbild der Landschaft total verändert, beruhigt und für kurze Zeit befriedet. Leise rieselt der Schnee in die Bäume und die Farbe auf das Papier. Die Farbe verändert endgültig bis zum Tod von Papier und / oder Farbe. Zwei Dinge sind wichtig, Farbstift und Papier, beide entscheiden mit über die Qualität der entstehenden Arbeit.

Beim Schreiben wird Computer, Schreibmaschine, Füllfeder oder Bleistift verwendet. Für die Prosa verwendet Peter Handtke seit 15 Jahren den Bleistift - für die Theaterstücke die Schreibmaschine, wenn gesprochen wird, muss irgend etwas klappern. Das Bleistiftschreiben bewegt Hände und Arme anders als das Tippen auf einer Tastatur. Der Bleistift beim Schreiben und der Farbstift beim Malen können zu epischer Bewegung führen.

Der Farbstift ist nicht nur in Form, innerer Struktur und Material vom Pinsel verschieden. Er ist meditativ. Beim Malen kann ein konzentriertes Versinken in die Seele des Ichs stattfinden - die entstehenden Farbschichten strahlen geistig verklärt, beim Betrachter klingen sie an. Die Farbe lebt. Bei Videos, Computerbildern oder solchen mit der Spritzpistole gefertigten, wirkt die Farbe statisch, dekorativ, unlebendig, tötelnd.

Eine riesige Palette von Farben bietet die Industrie an. Auf eigene Farbmischungen kann verzichtet werden. Werden die Bilder in Flächen skizziert und gemalt, entstehen Klangkörper, die emotional klingen. Die Farben sind gezielt wählbar und werden geplant auf dem weißen Papier eingepasst. Die Farbstiftarbeit erlaubt ein durchdachtes, konstruktives, planbares und gleichzeitig meditatives Vorgehen - mehr als mit Öl oder Acryl. Es ist ein langsames, zeitaufwendiges, konzentriertes Malen. Ausdauer und Geduld sind gefragt. Glück bringend ist die dabei entstehende Farbmeditation und Kreativität. Beide Begriffe sind Modewörter, die Kreativität ein wirtschaftlicher Machtfaktor. Die Wirtschaft, die Universitäten, Kunstmuseen, Weiterbildungsinstitute bemühen sich um die Schöpferische Energie. Sie für neue Produkte nutzbar zu machen, zu erforschen oder zu vermitteln. Alle suchen sie nach dem Geheimnis der Kreativität und finden es nicht. Entweder ein Individuum ist beglückt damit oder eben nicht. Vorhandene genetisch erzeugte Anlagen können trainiert, gefördert werden, mit gezielten Farbstiftarbeiten über längere Zeit, durch die Transformation von fassbaren Motiven in abstrakte Bilder. Ein spannendes Unterfangen.