
Karfreitag 2006
Was bedeutet mir Karfreitag? Die Frage, immer wieder gestellt, nach Antworten gesucht, für kurze Zeit beantwortet und erneut in den Raum des Ungewissen entlassen. Mit bildgebenden Verfahren von vielen Künstlern bearbeitet: Die Hinrichtung Christi am Kreuz, ein Sinnbild der katholischen Christenheit. In der ganzen westlichen Welt finden wir Bilder zu diesem Thema. Als Calvinist habe ich mit diesen Darstellungen Schwierigkeiten, ablehnen tue ich sie nicht. Das Hinterfragen nach dem tieferen Sinn des Ereignisses steht für mich im Vordergrund. Warum musste diese Grausamkeit in Palästina, unter römischer Fremdherrschaft, geschehen? Ist es wichtig und richtig, sich Bilder über ein Ereignis auszudenken, das religiöse Gefühle und eine schwierige Grundfrage des christlichen Glaubens berührt? Die Frage vom Sinn und Zweck, des Todes und dem Danach. Die Kunst gibt keine Antworten auf die formulierten Fragen, aber sie kann mit ihren Bildern aus Linien, Flächen, Formen und Farben die Sinne wecken, die Wissbegierde, die Kreativität und das Suchen nach temporären Lösungsansätzen induzieren, beflügeln.
Bilder sind etwas Zeitbedingtes, Vergängliches; sie langweilen, wenn sie längere Zeit am selben Ort an Wänden hängen. Der Raum, wo immer der ist, muss immer neu von Kunstwerken erobert, besetzt werden. Neue Darstellungen, in unserer Zeit erarbeitet - auch von religiösen Ereignissen oder Überlegungen - können mit künstlerischen Verfahren dynamisiert, in der Gesellschaft positioniert und in den Kirchen, den Medien, der Wissenschaft aktualisiert werden. Die Kunst war, ist und bleibt ein denkender und stimulierender Promoter in der Gemeinschaft. Das künstlerische Werk jedes Zeitabschnittes ist lebensnotwendig, unentbehrlich, Energie stiftend im täglichen Daseinskampf.
Dies sind die Gründe, warum ich mich erneut mit Karfreitag befasst habe: Mit Farbstift auf Papier (30x40cm). Die Hinrichtung, nach einem mediokren Gerichtsverfahren und -urteil geschah am Kreuz. Das wurde fein, schmal auf blauem Grund dargestellt. Sinnbildlich wird so auf die juristische Zerbrechlichkeit des Urteils hingewiesen. Die symbolisierte rote Christusfigur weist auf die unbegrenzte Liebe des Sterbenden für die Menschen hin. Ebenso die ihm im Todeskampf zur Seite stehende Mutter Maria. Das Blau des Hintergrundes weist auf die tödliche Schwere hin. Das organische Leben wird in Kürze endgültig zu Ende gehen. Der Stoffkreislauf wird gehemmt und später unterbunden, die Enzyme werden inaktiviert, der Verwesungsprozess beginnt.
Und heute? Wir suchen nach dem Sinn unseres Daseins und nach einer friedlichen, auf Ausgleich basierenden Welt ohne Krieg, Unterdrückung und Umweltzerstörung. Und Karfreitag? Demonstriert nicht gerade dieser christliche Feiertag unsere Hoffnungslosigkeit auf dieser Welt? Nein! Die geistige Entwicklung, sofern eine solche angestrebt wird, erfolgt durch die Liebe, die uns hilft, immer wieder von Neuem zu vergeben, sich aufzuraffen und trotz Niederlagen einen positiven Lebensbeitrag für sich selber und die Welt zu leisten. Karfreitag heißt dennoch, vor allem in der Kunst.