Pierrre Bocion - The State of Art

Ostern 2006

Von Karfreitag Nachmittag, an dem Christus gestorben ist, bis am Ostersonntag Morgen, als das leere Grab in einer Höhle von Mutter Maria und ihren Begleiterinnen gefunden wurde, vergingen rund 38 Stunden. Stunden, während denen etwas im wahrsten Sinne des Wortes Unfassbares geschah, das nur mit einem entschiedenen, standhaften, ohne Zweifel behafteten Glauben vom Menschen in der Jetztzeit zu akzeptieren, anzunehmen, zu bewältigen ist. Ein Mensch stirbt und 38 Stunden später ist sein lebloser Körper aus seinem Grab entschwunden, auferstanden, wie das in biblischen Texten genannt wird. Bis zur Auffahrt, zehn Tage vor Pfingsten, erscheint der Gekreuzigte seinen in Palästina zurückgebliebenen Jüngern öfters und vermittelt ihnen Teile seiner Lehre. Die Begegnung mit verstorbenen Menschen ist in einer geistigen Sphäre nichts Außergewöhnliches. Das Erleben viele während der Trauerzeit. Unheimlich, irritierend, Unruhe stiftend an der österlichen Schilderung scheint die Wiederbelebung, Auferstehung eines toten Körpers zu einem befristeten Leben auf der Erde - bis Auffahrt.

Aus rationaler, erfahrungsmäßiger, naturwissenschaftlicher Sicht nicht erklärbar. Selbstverständlich glaub bar, ob im wörtlichen Sinn, als Gleichnis oder Symbol, erwirkt von einem allmächtigen Gott. Eine schwierige Sache in unserer verwissenschaftlichten Welt, wo angeblich alles erklär- und technisch machbar wäre. Und trotzdem: die Kunst, die Theologie, die Philosophie, die Naturwissenschaften, alle kulturell aktiven Kräfte sind in jeder Epoche gefordert, sich mit Ostern auseinander zu setzen. Ostern ist ein Teil der westlichen Kultur, die von innen und von außen existenziell bedroht wird und die immer wieder neu erarbeitet werden muss. Ohne Kultur kein humanes Leben, höchstens ein animalisches und das will niemand.

Bei der zeichnerischen und malerischen erneuten Bearbeitung der wunderbaren Ostergeschichte, die ich zum letzten mal im Jahr 2000 illustriert habe, benutze ich meine Figurentechnik: Kleine runde Köpfe mit lang gestreckten, schmalen Körpern, zweidimensional gestaltet. Diese Formgebung fasziniert mich immer wieder. Sie symbolisiert das menschliche Verhalten in einem tieferen Sinn. Die gewählten Farben wirken melancholisch, dem Ereignis angepasst, die Frauen finden ihren geliebten Sohn und Freund nicht, nur ein leeres Grab. Im ersten Augenblick werden sie wohl Grabräuber im Verdacht gehabt haben, die verhindern wollten, dass das Grab zum Heiligtum umfunktioniert wird. Bald werden sie den wahren Grund des leeren Grabes erfahren, Christus ist auferstanden. Die Frauen sind rot gemalt. Mit Absicht! Sie liebten den im Grab gesuchten und scheuten die Gefahr nicht, von römischen Soldaten gefangen genommen und in dreckigen Gefängnissen versorgt zu werden. Mut hatten sie, was doch oft weit und breit nicht zu finden ist in unserer Zeit. Die gemalten Stöckelschuhe unterstreichen die Souveränität, die Selbstsicherheit der biblischen Gestalten. Eleganz vor dem Grab und dem darin entwichenen Tod und dem auferstandenen Herrn. Ein Zwiespalt? Nein, eine moderne österliche Interpretation von Luthers Ausspruch: Wenn morgen der Weltuntergang wäre, würde ich trotzdem heute einen Apfelbaum pflanzen. Der Tod kommt geplant, Ostern aber auch. Aufgrund dieser Gewissheit lohnt es sich, jeden Tag von neuem zu beginnen. Ganz besonders als Kunstschaffender.