
Auffahrt 2006
Nach seinem klinischen Tod am Kreuz an Karfreitag ist laut der Bibel Christus am Ostermorgen auferstanden. Sein toter Körper wurde von Gott wieder belebt. Er war in der Höhle, seinem Grab, nicht mehr auffindbar, als seine Begleiter ihm die letzte Ehre erweisen wollten. Ein Diebstahl der Leiche wird ausgeschlossen, durch wen und welche Motive auch immer. Bis zur Auffahrt in den Himmel wurde er in Galiläa von seinen Jüngern mehrmals getroffen, und er sprach zu ihnen und lehrte sie. Eine für die heutige Zeit wundersame, nicht erklärbare, phantastische Geschichte, die in der Heiligen Schrift erzählt wird. Der auf Erden endgültige Tod soll überwindbar sein? Entweder wird die biblische Erzählung rundweg als verrückte Story abgelehnt, oder der Fluchtweg zum Gleichnis wird angetreten: Es sei ja nicht wörtlich gemeint. Die Zeit zwischen Ostern und Auffahrt wird in eine sinnbildliche Form transformiert.
Der Auffahrtsakt selber war ein aggressives Ereignis. Helles Licht, eine weit sichtbare Wolke, die Christus in den Himmel hob. Die Jünger tief beeindruckt, verängstigt, nachdenklich über das schon lange vorausgesagte und angekündigte Geschehen. Wie ordnet sich das übersinnliche Ereignis in das Heute der aktuell lebenden Christenheit wohl ein? In den letzten Tagen des Februars entwarf, gestaltete und malte ich die Himmelfahrt mit Farbstiften. Die Landschaft in Palästina olivgrün und goldocker. Der atmosphärische Himmel blau wie im Schulbuch. Die Wolke weissrosa und der geistige Raum, das göttliche Licht gelb. Christus eindrücklich, nicht zu übersehen, scharlachrot. Dieser Welt entschwindet er, in eine ewige, geheimnisvolle kosmische Energie - Gott. Die im Bild sichtbaren Flächen lassen gewollt viele Interpretationen zu. Der Betrachter wird zum eigenen Nachdenken angeregt, dies die Absicht der geschilderten Arbeit.
Eine Erzählung, die die Allmacht von Gott in dramatischer Weise schildert, voraussetzt und einen absoluten Glauben an ihn einfordert. Warum die Auffahrt nicht einfach annehmen, glauben, nicht hinterfragen oder sinnlos nach Beweisen suchen? Eine wissenschaftliche Konstruktion zu erfinden, die nicht weiterhilft - warum auch?
Jedes Lebewesen stirbt irgendwann, weil es von einem natürlichen Feind aufgefressen oder überwältigt wird von einer Krankheit, wie zur Zeit die Vögel von der Vogelgrippe. Beim Menschen gibt es zusätzlich zu den Todesursachen im Tierreich den Mord. Die Klontechnologie wird an diesen Tatsachen nichts ändern, den Tod nicht überwinden. Mit ihr lassen sich nur die in einem Organismus vorhandenen Gene kopieren. Beim Menschen bestimmen die Gene etwa fünfzig Prozent des phänotypisch Erkennbaren. Eine individuelle Totalkopie scheint ausgeschlossen.
Die Bibel offeriert mit der Auffahrtsgeschichte, wie an vielen anderen Orten auch, eine Existenz der Seele, des Ich, nach dem Tod. In einer neuen, außerirdischen, abstrakten Zukunft bei einem ewigen Gott ohne Bild. Nur umschreibende Definitionen sind erlaubt. Ein Gleichnis: Gott, der steuert, organisiert - die göttliche Steuerung; der die Energie schlechthin besitzt, ob in einem Universum oder in vielen, bei ihm wird jeder Mensch nach seinem Tod energetisch aufgehoben sein. Die Auffahrt, ein extremer Prozess für jeden, ist gewiss und tröstlich. Ein Ende der Seele gibt es nicht, sie existiert weiter.