Pierrre Bocion - The State of Art

Die getretene Welt

An einem Februar Morgen saß ich wie jeden Tag an meinem Tisch im Atelier vor einem Blatt weißen Papier. Als Motiv, in den letzten 24 Stunden erarbeitet, hatte ich in Gedanken Menschen und die Welt. Vom unteren Rand des Blattes baute ich eine Halbkugel mit dem seitlichen Durchmesser auf. Auf dieser Halbkugel entwarf ich 3 semiabstrahierte, schmale, dünne, drahtige Menschen, die den Menschen am Anfang des 21. Jahrhunderts verkörpern. Das war eigentlich bereits das Gedankengebäude, das visualisiert werden sollte. Nachdem die Skizze fertig war, begann ich mit dem Farbauftrag an der Halbkugel im obersten Teil, dort wo die Figuren mit den Schuhen in Kontakt mit der Oberfläche kamen. Weil die ganze Arbeit zweidimensional konzipiert war, gab es zwischen Schuhen und Halbkugel darstellerische, räumliche Probleme zu lösen. Wie tritt der Mensch auf einer flachen Kugel - ein Widerspruch an sich - auf, und was hat, tut, wird er auslösen auf der Erde und im Universum. Die Erzählung von Max Frisch „Der Mensch erscheint im Holozän" kam mir in den Sinn.

Der Entschluss ist gefasst, die Schuhe werden die Oberfläche der Welt leicht, aber trotzdem für den aufmerksamen Betrachter unübersehbar ritzen. Warum diese feine, melodiöse, zarte Versinnbildlichung? Oft scheint es, der Konflikt zwischen dem Menschen und der Schöpfung sei gravierend, unüberbrückbar und für beide langfristig lebensbedrohend. Die Diskussion über den Feinstaub in den europäischen Ballungszentren diesen Winter zeigte deutlich, wie egomanisch sich der Mensch verhält, seinen Verstand ausschaltet, nur seinen automobilen Mobilitätstrieb befriedigen will und seine Gesundheitsbedürfnisse und das Wohl der Natur sträflich vernachlässigt. Zeigt die Umweltzerstörung durch den Menschen sein ganzes Verhältnis zwischen Mensch und Kosmos auf? Wohl kaum!

Beim Malen hinterfrage ich meine Darstellungsweise und spinne meine Gedanken weiter. Der Mensch müht sich täglich ab, seine persönliche Lebensgrundlage sicher zu stellen. Einerseits pflegt er die Natur auf mannigfaltige Weise; gleichzeitig zerstört er in seiner Umwelt die Luft, das Wasser, den Boden. Seine Beziehung zur Schöpfung, zum Schöpfungsprozess, zum Schöpfer oder zum Organisationssystem der Schöpfung wird mittels verschiedenster Glaubensrichtungen, der Philosophie, der Naturwissenschaften instrumentalisiert. Das All, die Welt, die Erde war / ist dem Menschen eminent wichtig, das weiß er, setzt sich je nach Intellekt intensiv damit auseinander, fühlt aus dem Unterbewusstsein kommende, in den Genen aus der Urzeit fixierte Verantwortung. Einfach so heraus stehlen kann er sich da nicht, wenn es auch immer wieder versucht wird. Mit Beschwichtigungen, Ausreden, Schönfärberei, Verniedlichung, schlimmer mit Verdrehungen gesicherter Tatsachen, plumpen Lügen, im extrem Fall Betrug.

Zum Glück gibt es ein kollektives Gewissen, schwer zu beschreiben, was das ist, es meldet sich immer wieder bei Einzelnen, in Organen der Gesellschaft: Kirchen, Parteien, NGO, Parlamenten, Regierungen. Selbst wenn es Jahrzehnte lang malträtiert wird, wie in der Sowjetunion, lässt es sich nicht ausrotten. Ein Lichtblick für die Zuversicht, dass der Mensch in der organischen und anorganischen Evolution eingebunden bleibt; nicht Herr der Schöpfung wird, sie nur beeinflusst, ein wenig ritzt.