Kunst, künstlerisches Schaffen: Charakterisierung und Qualifizierung - ein Versuch.
Mit dem oben erwähnten Fragenkomplex bin ich immer wieder konfrontiert worden, so auch am 30. April 1999. Es wurde diskutiert, ob meine gegenständliche Malerei einen künstlerischen Wert habe und wenn ja, wie der qualifiziert werden kann und ob nicht nur ein „Abbilden" betrieben würde. Anlass genug, meine Gedanken zum skizzierten Spannungsfeld neu zu formulieren und aufzuschreiben.
Ob ich ein Motiv in der Natur suche und durch die Auswahl des Bildausschnittes und Blickwinkels selektioniere und gestalte oder das Motiv erfinde ist sekundär.
Es ist nebensächlich, ob das Motiv in der Natur, auf einer zweidimensionalen Fläche erarbeitet wird oder ob ein Fotoapparat zur Hilfe genommen wird. Mit dem Fotoapparat können momentane Licht- und somit Farbverhältnisse besser festgehalten werden als wenn über Tage oder sogar Wochen im Freien gearbeitet wird. Die Vegetation ändert sich jeden Tag! Mit der Kamera ist es leichter, verschiedene Bildausschnitte und Blickwinkel schnell festzuhalten und zu testen. Oft kann ein bestimmter, besonderer, faszinierender Bildausschnitt und Blickwinkel eines Motivs aus topographischen oder verkehrstechnischen Gründen nur mit der Kamera festgehalten werden.
Von großer und entscheidender Bedeutung ist, dass man das, was man künstlerisch bearbeitet, genau kennt. Sei es die Natur oder etwas vom Menschen Geschaffenes. Eine naturwissenschaftliche Ausbildung ist hilfreich für die Kunst, das war bereits bei Leonardo da Vinci so.
Der Laie wird ein Motiv anders umsetzen als der Künstler. Der Künstler ist im Gegensatz zum Laien in der Lage, seine Denkkraft, seine Erlebnisfähigkeit und Kreativität mit seinem handwerklichen Können in sein Werk (Bild, Skulptur, Installation usw.) zu implantieren.
Kunst ist ein geistiger, schöpferischer Umsetzungsprozess von Vorstellungen (Bildern, Gedanken) mit Materialien (Farbe, Zeichenstift, Stein, Ton, Film usw.) in visuell wahrnehmbare Werke. Wesentlich ist die geistige Begabung (Phantasie, Kreativität, Denkvermögen), die der Künstler besitzt; die ist nicht lernbar.
Eine Abstraktion und Veränderung des Ausgangspunktes findet beim künstlerischen Schaffen immer statt. Eine Kopie oder Abbildung ist unmöglich. Mit künstlerischen Mitteln können weder Menschen, Materielles noch die Natur reproduziert werden. Das Wahrnehmen ist ein individueller Akt der Persönlichkeit; das Reflektierte wird vom Gehirn verarbeitet und je nach Begabung, Ausbildung und Willenskraft wiedergegeben.
Das Kunstwerk muss bei seiner Fertigstellung durch den vorhergehenden schöpferischen Akt autonom vom Ausgangspunkt und Künstler sein.
Mit der Art respektive Qualität der Abstraktion, nicht mit dem Grad der Abstraktion, kann die künstlerische Arbeit von derjenigen eines Laien differenziert werden. Die Ausdruckskraft der künstlerischen Arbeit, die bei der Umsetzung der ersten Gedanken, beim Beginn der Arbeit bis zur Vollendung des Werkes entwickelt wird, ist entscheidend für die Kunst.
Das Experimentieren mit Techniken, Materialien und Motiven ist zwar wichtig, darf aber nicht überschätzt werden. Vorsicht: Leicht wird das Experimentieren zur Spielerei.
Die erste Fassung wurde im Mai 1999 im Atelier in der Zehntenscheune in Winterthur verfasst. Diese wurde im Mai 2006 in Wangen am See überarbeitet.