
12. März 2006 - Erinnerungen
Trauerzeit: Seit 6 Monaten dauert sie. Marc starb am 12. September 2005.
Es war an einem Montag, bedecktes Wetter, kühl, die Ankündigung des Herbstes, früh in diesem Jahr. Marc und ich fuhren am Morgen nach Wangen am See, wir bezogen bei den Knopfs eine Wohnung. Wir stellten das Gepäck in die Zimmer. Marc wollte seinen Sackkoffer nicht auspacken, das hätte später Zeit, meinte er, was mich wunderte und stutzig machte. Marc war den ganzen Morgen still, in sich gekehrt, ernst. Wir tranken um 11 Uhr eine Tasse Kaffee auf der Veranda der Residenz am See, einem Hotel der gehobenen Klasse. Beim Aufstehen vom Tisch fragte mich Marc: „Für Dich ist es jetzt gut"? Antwort: „Ja", nachdenklich. Warum stellte er die Frage so, fragte ich mich ohne rück zu fragen. Der alte, blauschwarze Golf brachte uns zurück nach Stein. Plötzlich klingelte das Handy mit seiner aufgestellten Musik. Bettina, Fotografin, seine Freundin, wertvolle Gesprächspartnerin und Vertraute, war am Apparat. Marc kurz angebunden, er wollte seine Ruhe haben. Mittagessen, um 12.00 Uhr. Anschließend legte ich mich hin. Marc nahm seine Mutter um 12.50 in den Arm, küsste sie und verliess uns für immer.
Sein Leben war in seiner frühen Jugend schwierig. Die Legasthenie war schon erkennbar, als er die ersten Rollbewegungen auf dem Boden vollführte. Die Längsachse der Bewegung war auf eine Zimmerecke ausgerichtet. Seine Mutter umsorgte ihn. Zwei risikoreiche Operationen am Ohr und am Knie waren zu ertragen. Später in der Schule hatte er enorme Lernschwierigkeiten und Lehrer, die mit dem kreativen Legastheniker-Schüler nicht umgehen konnten. Demotivation war angesagt. Marc war ein liebes, freundliches, lustiges Kind, das sich einordnete und besorgt war, dass es seinem Umfeld gut ging. Seine Schwester Jacqueline liebte er über alles, nahm sie immer in Schutz. Er teilte und half, wo er konnte. Die Musik liebte er, spielte Guitarre und Klavier, später in einer Band, gerne hätte er die Musik zum Beruf gemacht, es sollte nicht sein - leider.
Er gründete zusammen mit seinem Freund Roman ein Geschäft, eine Stickerei mit Merchandising, die Quick Stitch Gmbh. Der Start war hindernisreich: Zu wenig Kapital und wenig hilfreiche Beziehungen. Sein Großvater unterstützte Marc von Anfang an. Marc wurde 1992 psychisch krank, ein langer, schwerer Leidensweg begann. Im Herbst 1996 bezog Quick Stitch eine neue Lokalität in der Grüze, einem Industriequartier. Kurz darauf wurde eingebrochen, die Computer demoliert, das Herz der Stickerei. Marc erholte sich von diesem Einbruch nicht mehr, seine Krankheit verschlimmerte sich rapide. Im Mai 2003 musste die Firma geschlossen werden. Das ihm Liebste vernichtet. Im August desselben Jahres war eine Hospitalisation unumgänglich. Einen Monat späte wohnte er bei uns bis zu seinem Tod auf den Geleisen. Diese zwei Jahre waren eine intensive Zeit . Viel war er bei mir im Atelier, brachte mich hin oder holte mich ab. Er war interessiert an meiner Arbeit, munterte mich auf, schenkte da ein Lob oder dort. Ein sozialer, ideenreicher, analytischer Geist, begabt mit einem legasthenischen Denkvermögen. Auf der Höri in Wangen am See verbrachten wir zusammen viele Abende in der Schifflände bei Theres und Elfie. Marc war beliebt, fühlte sich wohl, hinterließ Spuren in seinem neuen Freundeskreis: Ute, Gerald, Christof usw. Trotzdem schritt seine Krankheit unaufhaltsam voran. Und jetzt? Sein Handy ist stumm, er kommt nie wieder zur Tür herein. Die Trauerzeit war schwer, oft eine Qual. War sie hilfreich, von Nutzen, wie gescheite Leute meinen? Nein.