Pierrre Bocion - The State of Art

2007: Grenzen

Im Zusammenhang mit der Integration der Schweiz in das werdende Europa spielt die Grenze immer wieder eine Rolle. Von einem Teil des politischen Spektrums wird vorgegeben, die Grenze sei etwas essentiell Wichtiges für einen Staat und zwar nicht nur, dass diese in einer Karte eingetragen sein muss, sondern in der Landschaft auch markiert und durch Grenzwächter zu schützen sei. Ein Staat ohne materielle Grenzen wäre nicht lebensfähig, nicht existenzfähig. Dieser Grenzansatz aus der praktischen Politik der Schweiz soll in einem breiteren Kontext untersucht und der Sinn und die Bedeutung von verschiedenartigen Grenzen beleuchtet werden.

Nicht nur der Mensch setzt sich Grenzen. Auch das Tier kennt Grenzen, zum Beispiel bei seiner Ausbreitung zwischen Land und Wasser oder in seinem Verhalten. So gibt es Fleisch-, Pflanzen- oder Allesfresser. Bei der Vermehrung folgt das Tier klimatologischen, geologischen und botanischen Grenzlinien der Natur und im Umgang mit Artgenossen ebenfalls. Der physiologische, biochemische Stoffwechsel in der Flora und Fauna findet in Kompartimenten der Zelle statt. Zusätzlich zu den pflanzlichen und tierischen Grenzen eignete sich der Mensch im Laufe der Evolution das Denken an und entwickelte ein Konstrukt von erdachten Grenzen, die er fortentwickelt. Die psychische und körperliche Leistungsfähigkeit differenziert jeden Menschen von seinen Nachbarn. Das meist publizierte Buch der Welt, die Bibel, setzt reich illustrierte und erläuterte Grenzen zwischen Mensch und Gott und mit den 10 Geboten werden die Interaktionen zwischen Menschen, Gesellschaften und Völkern geregelt und dafür Leitlinien postuliert. Im Leben jedes einzelnen Menschen werden Grenzen spürbar, wirksam, schneiden und schränken ein.

In der Musik besteht eine unsichtbare Grenze zwischen jedem einzelnen Ton, die in den Musiknoten sichtbar und beim Spielen eines Musikinstrumentes hörbar ist. Aber auch zwischen den verschiedenen Instrumenten existieren wahrnehmbare Klanggrenzen und zwischen den Musizierenden, auch wenn sie die gleichen Noten und Instrumente benutzen, sind für den Fachmann tönende Grenzen hörbar. Bei den Musikhörern werden Grenzen in der Wahrnehmung je nach Begabung sichtbar. Ähnlich ist es in der Literatur. Dort sind es Worte, Inhalte und Satzbau, die Grenzen induzieren.

Bildende Kunst und Naturwissenschaften haben mein Leben geprägt. Wie, wo und wann lassen sich Grenzen in der bildenden Kunst charakterisieren und wie lässt sich Kunst von Dilettantismus unterscheiden? Wie die Kunst auf der Zeitachse von den Höhlenmalereien bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts vom Menschen gestaltet und von ihm künstlerische Grenzen gesetzt wurden, ist bekannt. Der geistige Moment und dessen Verkörperung in Formen, Zeichen, Farben und Materialien gewann mit dem Fortschreiten der künstlerischen Entwicklung an Bedeutung und formte neue Grenzen aus. Drei grundsätzliche Ausdrucksformen springen in die Augen: Gegenständliche, abstrakte und surrealistische zwei- oder dreidimensionale Arbeiten. Farben und Maltechnik sind wichtige Hilfsmittel bei der künstlerischen Arbeit. Mit ihnen werden oft thematische oder graphische Grenzen gesetzt. Das Erarbeiten von Grenzen ist der Ursprung eines Kunstwerkes, mit der Grenzziehung im weitesten Sinn schafft der Künstler, die Künstlerin intellektuelle Erfindungen - Neuschöpfungen, die sein eigenes Leben und das des interessierten Umfeldes anregen und je nach dem positiv bereichern. Das Werden von Neuem und dessen Sichtbarwerden ist immer wieder ein besonderes Erlebnis am Arbeitsort der Kunstschaffenden.